Toggenburger Tagblatt | Montag 2. August 2010
Eine Liebe, die keine echte ist
Das Fazit, das der Schreibende am Ende des im Zeltainer aufgeführten Theaterstücks « Gut gegen Nordwind » für sich zieht, könnte die Zeile aus einem Lied des Schmalz-Sängers Xavier Naidoo sein. Aus der analytischen Warte der zwischenmenschliche Kommunikation betrachtet ist das Theaterstück von Daniel Glattauer, das auf seinem Bestseller basiert, hochinteressant. Da werden einem kommunikative Muster aufgetischt, die im Studium der Kommunikationswissenschaften behandelte Phänomene wachrufen. Auf emotionaler Ebene ist das Stück schlicht ergreifend. Mehrmals ertappt sich der Schreibende beim Hineinmogeln in Thomas Hassler Rolle des Leo Leike, was ihn ganz entzückt sein lässt.
Selbstverliebtheit wird Liebe
Leo Leike erhält irrtümlicherweise E-Mails von Emmi Rothner, gespielt von Ute Hoffmann. Sie will eigentlich nur ein Abonnement künden. Als sich Leike, ein Professor für Kommunikationspsychologie, mit Wortwitz gegen die unerwünschte, elektronische Post zur Wehr setzt, beginnt eine kleine Zankerei. Frei nach dem Motto «Was sich liebt, das neckt sich» wird aus dem der Selbstverliebheit geschuldeten Nicht-Aufgeben-Wollen Interesse. Aus Interesse für das Gegenüber, das einem das Wasser reichen kann, wird Respekt. Daraus entwickelt sich der Gedanke fremdzugehen – dank der unverfänglichen Aura, die das Medium umgibt. Emmi Rothner treibt der fehlende Pfeffer in ihrer angeblich glücklichen Ehe an. Leo Leike sieht in der virtuellen Beziehung eine Möglichkeit, sich an seiner Flamme zu rächen, die ihn sitzen liess. Allerdings erweist sich Leo als Hasenfuss, als ihn Emmi treffen will. Am Ende sind zwar beide ineinander verliebt, die virtuelle Liebe scheitert aber bevor sie real wird: Da sind die Selbstzweifel, ob man sich attraktiv findet. Da ist die Anonymität des Internets als Rückzugsgebiet. Und da sind die Vorurteile und Missverständnisse, die sich zum Selbstschutz vorschieben lassen.
Mitdenken und Mitfühlen
Das gut gespielte Stück regt zum Mitdenken und Mitfühlen an. Bleibt zu hoffen, dass sich die Zuschauerinnen und Zuschauer nun nicht selbst in so ein virtuelles Liebesdrama stürzen. Wobei, vielleicht wäre das gar nicht einmal so verkehrt. Medienkompetenz und lieben lernt man – Glückspilze und Hasenfüsse ausgenommen – auf dieselbe Art
und Weise, wie Kleinkinder das Laufen lernen: durch etliche Fehlversuche. MatthiasGiger
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